Ist alles relativ?

Der Mensch ist begrenzt, doch hat er das Potential, das Unbegrenzte zu verstehen – allerdings nicht durch empirische Erkenntnis, sondern durch die Entwicklung einer höheren Entwicklung. So lautet das Verdikt der vedischen Schriften.
Weil nur wenige Menschen heute ihr Potential, das Unbegrenzte zu verstehen, ausschöpfen, hat sich in weiten Kreisen folgende Weltanschauung eingebürgert: „Alles ist relativ. Was richtig für dich ist, muss nicht auch für die anderen richtig sein. Und was für dich falsch ist, muss nicht für alle anderen falsch sein.“
Diese populäre Philosophie ist jedoch mit einer doppelten Problematik verbunden – mit einer Falle und mit einem Denkfehler.
Wenn alles relativ ist, gibt es keinen allgemein gültigen Maßstab; deshalb kann diese Situation leicht ausgenützt werden – von wem, ist klar: einmal mehr von den Mächtigen und Reichen im Hintergrund, die dadurch noch mächtiger und noch reicher werden. Natürlich gibt es „allgemein“ verbindliche Gesetze, doch wie viele halten sich daran? Die Mächtigen – diejenigen, die die Gesetze aufstellen – fühlen sich jedenfalls nicht an sie gebunden. Wenn alles relativ ist, herrscht ein subtiles Faustrecht. Die Allgemeinheit mag z.B. der Meinung sein, das Verschmutzen der Meere , das Durchführen von Atomtests und das Abholzen der Regenwälder sei schlecht, doch wenn ein paar wenige Menschen – die stärker sind als die Allgemeinheit – denken, dies sei gut, findet diese Umweltzerstörung dennoch statt, trotz des Protestes der Mehrheit. Man hört das hämische Grinsen: „Ihr mögt denken, das sei schlecht, aber für unsere Pläne ist es gut, und weil wir stärker sind, geschieht, was wir wollen. Warum protestiert ihr? Ihr selbst sagt doch, dass alles relativ sei. Und nun zählt halt unsere relative Meinung mehr.“
Man könnte noch viele andere Beisiele anführen: Kriegsinszenierungen, Waffenlieferungen, Drogenproduktion, Chemiepropaganda, Dritte-Welt-Ausbeutung, Verharmlosung der Radioaktivität und Genmanipulation, Menschenhandel, Tiermisshandlung… Die Liste ist erschreckend lang. Überall geht es um das Interesse einiger weniger Leute; deshalb sind diese verborgenen Nutzniesser sehr erfreut, wenn die ganze Welt denkt alles sei relativ. Dann sind sie nämlich niemand Rechenschaft schuldig, denn sie sagen, was geschieht und was nicht geschieht. Und weil die Mehrheit in diese Falle läuft, und tatsächlich glaubt alles sei relativ, regiert heute eine destruktive Minderheit. Die oben genannten Missstände sind ja nicht dunkle Prophezeiungen, sondern harte Tatsachen; und gewisse Leute müssen diese für gut befinden, denn sonst fänden sie nicht statt.
Die Menschheit ist so sehr in das Relative abgeglitten, dass sie nichts anderes mehr sieht. Wen interessiert es heute, dass es noch etwas anderes als das Relative gibt? Die meisten Menschen haben sogar eine angeborene oder anerzogene Abneigung gegen dieses „andere“. Wenn ich dieses „andere“ dennoch zu erwähnen wage, dann deshalb, weil ich denke, dass diejenigen, die bis hierher durchgehalten haben, auch diesen „Schock“ überstehen werden: denn hinter oder über dem Relativen ist – das Absolute. Die Wahrheit. Die „absolute Wahrheit“.
Das relative ist immer mit dem Absoluten verbunden (so wie Schatten mit dem Licht). Die Menschen ziehen es jedoch vor, sich einseitig auf das Relative zu beschränken und die Frage nach dem Absoluten zu verdrängen. „Denn alles ist relativ.“ Und genau hier liegt auch der Denkfehler: Die Aussage „Alles ist relativ“ („Es gibt nichts Absolutes“) ist nämlich ebenfalls eine absolute Aussage!
Wer sagt, „Alles ist relativ“, postuliert ebenfalls eine absolute Wahrheit, nämlich dass es keine absolute Wahrheit gibt.
„Absolute Wahrheit“ bezieht sich auf die universal gültige Realität, die unabhängig davon existiert, was die einzelnen Menschen glauben. Was immer die absolute Wahrheit ist, sie gilt auch für diejenigen, die nicht an sie glauben. Wenn die absolute Wahrheit darin besteht, dass alles relativ ist, dann gilt dies auch für diejenigen, die glauben, es gebe etwas Absolutes. Und wenn es etwas Absolutes (Gott) gibt, dann gilt dies auch für diejenigen, die glauben, alles sei relativ.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Gibt es eine absolute Wahrheit?“, sondern: „Was ist die absolute Wahrheit?“ Denn es gibt auf jeden fall eine absolute Wahrheit, und es wäre die vorrangigste Aufgabe der Philosophen, Esoteriker und Wissenschaftler, herauszufinden, worin diese besteht.

Armin Risi, Auszug: Gott und die Götter, S.116, Govinda Verlag