Wissenschaft

Wissenschaft: die Problematik des einseitigen Wissens

„Menschen, die nicht wissen, dass es ein höchstes Ziel im Leben gibt, halten alles andere als das höchste Ziel für wertvoll. So irren sie wie Blinde umher, die von anderen Blinden geführt werden, und verstricken sich immer mehr ins Netz der Ziellosigkeit.“- Bhagavat Purana 7.5.31
Das Konzept von Veda („Wissen; Offenbarung“) ist dem modernen Weltbild fremd. Das 20. Jahrhundert wird in die Geschichte eingehen als das Jahrhundert der Wissenschaft und des Fortschritts. Die Wissenschaft entscheidet heutzutage, was als „Wissen“ und „Wahrheit“ gilt, und der Fortschritt liefert den Beweis: Was die Wissenschaft sagt, stimmt, denn sie ist objektiv nachprüfbar und ermöglicht konkrete Erfindungen und Verbesserungen, eben Fortschritt.
Vom Mittelalter bis zur Aufklärung und zur industriellen Revolution sind über ein Jahrtausend vergangen, über dreißig Generationen; doch nun konnten die letzten drei Generationen innerhalb eines einzigen Jahrhunderts die Früchte dieser langen Entwicklung in atemberaubender Geschwindigkeit reifen sehen. Heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, ist es jedoch ein offenes Geheimnis: Die Früchte hielten nicht, was die Gärtner versprachen.
Es fand ein Fortschritt statt, aber: Fortschritt wohin? In welche Richtung? Mit welchem Ziel?
Nach anfänglicher Zuversicht, ja Euphorie über die Zukunft der Menschheit angesichts des gefeierten Fortschritts bricht heute eine Phase der Ernüchterung an. Aufgrund von Einsicht oder aufgerüttelt durch die Zeichen der Zeit, wurden sich die Menschen in den neunziger Jahren immer mehr der Mängel dieses blinden Fortschritts bewusst, ja es wurden sogar sorgenvolle Stimmen hörbar, die bereits unheilvolle Konsequenzen voraussehen.
Der Fortschritt wurde durch die Wissenschaft ermöglicht. Die Wissenschaft will die Wahrheit erforschen – die Wahrheit über die Natur, die Naturgesetze und das Leben -, und durch den Fortschritt soll der Nutzen der Wissenschaft praktisch demonstriert werden. Die entscheidende Frage lautet hier jedoch: Was versteht man unter „Nutzen“, „Wissen“, und „Wahrheit“?
Diese Ziele – Nutzen, Wissen, Wahrheit – sind nicht klar definiert, und deshalb wissen Wissenschaft und Fortschritt nicht, was sie eigentlich anstreben. Wenn zuerst noch erforscht werden muss, was Wahrheit und, davon abhängig, wahres Wissen überhaupt ist, dann bedeutet dies, dass gegenwärtig noch Unklarheit oder sogar Unwahrheit herrscht. Und welche Hoffnung besteht, auf dieser Grundlage eine nicht bekannte Wahrheit zu finden? Oder geht es den Menschen, die Wissenschaft und Fortschritt betreiben, etwa gar nicht um solch hochgestochene, unprofitable Ziele wie Wissen und Wahrheit?
Wenn wir den Universitäten und Wirtschaftsimperien, den Förderern von Fortschritt und Wissenschaft, genauer auf die Finger schauen, drängt sich tatsächlich der Verdacht auf, dass heute viel kurzfristigere und kurzsichtigere Ziele Priorität bekommen haben. Im 20. Jahrhundert wurden zahlreiche kurzfristige Erfolge gemeldet und dabei die langfristigen Probleme aufgeschoben. Doch „die Zukunft hat schon begonnen“. Heute konfrontiert uns das ehemals Langfristige bereits als kurzfristige Bedrohung: Umweltzerstörung, Kriege, Kriminalität, Zentralkontrolle, Naturkatastrophen, neue Krankheiten usw.
Diese Probleme, die die positiven Aspekte des Fortschritts empfindlich überschatten, können nicht pauschal der Wissenschaft angelastet werden; aber sie sind alarmierende Indizien dafür, dass im modernen Weltbild etwas nicht stimmt – und dieses wurde von der Wissenschaft entscheidend mitgeprägt.
Es geht hier nicht um eine Aburteilung der Wissenschaft, sondern um eine Kritik des von ihr abhängigen Weltbildes; denn es ist dieses ziellose, kurzsichtige Weltbild, das verursacht, dass auch die nützlichen und neutralen Errungenschaften des Fortschritts eine schädliche bis verheerende Wirkung zeitigen, eben weil sie von Menschen mit dieser falschen Weltsicht missbraucht werden. Was zerstört, kann nicht richtig sein, nicht einmal natürlich, denn in der Natur ist jede Zerstörung immer auch Übergang zu einer neuen Harmonie, was man von der modernen Zerstörung nicht behaupten kann. Es lässt sich also nicht bestreiten, dass ein weniger einseitiges Weltbild auch die Unschuld von Wissenschaft und Fortschritt in Frage stellen wird – denn so unschuldig sind sie nicht.
Wissenschaft und Fortschritt sind die Götter des 20. Jahrhunderts, die von den Menschen und Nationen kritiklos verehrt werden. Unzählige Menschenopfer werden ihnen dargebracht (auf den Straßen, in den Fabriken, im Militäreinsatz, sogar bei Sport und Unterhaltung), weil alle überzeugt sind, dass dieser Kult sich lohnt. Früher diente man Gott, und heute dient man dem Fortschritt. Was dem Fortschritt dient, kann mit Staatsgewalt erzwungen werden. Gesetze, Politik und Schulsystem werden dem Fortschritt angepasst – doch fragt sich jemals jemand, wohin dieser Fortschritt führen soll?
Ohne Ziel hat man keine Richtung, und ohne Richtung ist jeder Schritt, auch „Fortschritt“, ungewiss.

Armin Risi, Auszug: Gott und die Götter, S. 27, Govinda Verlag